Einführung in die Ausstellung 'Ndrangheta von Alessandro Benigni im Landgericht Baden-Baden


 

Anlässlich einer Ausstellung des Bildhauers Rüdiger Seidt im Landgericht Baden-Baden lernte ich Alessandro Benigni kennen.

Benigni, freischaffender Künstler in der Baden-Badener Gegend ansässig, ist Maler und setzt sich künstlerisch mit der 'Ndrangheta auseinander: Der Begriff war mir zunächst fremd. Erst als der Künstler mir erklärte, dass die 'Ndrangheta die Mafiamorde 2017 in Duisburg zu verantworten hatte, verstand ich den Zusammenhang.

Ich fragte mich: Was bewegt ein Künstler, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Gelingt es dem Künstler diese Auseinandersetzung in einer Weise zu führen, die es uns erlaubt, hier im Landgericht eine Ausstellung zu dieser Thematik durchzuführen.


 

Ich rufe in Erinnerung, dass hier in diesem Gebäude täglich Strafprozesse stattfinden und das auch die Justizgeschichte in Baden-Baden mit durchaus öffentlichkeitswirksamen Mafiaprozessen in Verbindung gebracht wird.

Die Justiz muss eine neutrale Position einnehmen, immer wieder und gerade täglich in der Bearbeitung der zur Entscheidung anstehenden Fälle und jeden Verdacht einer Vorverurteilung vermeiden. Wir fanden das Thema spannend und haben uns mit Alessandro Benigni, seinem Werk und dem Thema dieser Ausstellung beschäftigt.

Anders als ich zunächst vermutet hatte, steht hinter seiner Auseinandersetzung keine persönliche Geschichte, Erlebnisse oder Erfahrungen mit der italienischen Mafia. Alessandro Benigni ist weder mittelbar noch unmittelbar betroffen, er ist weder Opfer noch Aussteiger. Er ist allerdings ein höchst aufmerksamer Beobachter seiner Umgebung und hat auch italienische Wurzeln, die sich nach Kalabrien verfolgen lassen.

Ihn bewegt eine allgemeine aber gleichwohl tiefe Faszination der Thematik und auch der Organisation 'Ndrangheta mit der er sich ausschließlich künstlerisch auseinandersetzt. Heute, nachdem wir Benigni und seine Bilder näher kennengelernt haben, sind wir sicher, dass es eine gute Entscheidung war, eine Auswahl der Werke zu präsentieren, die er thematisch der 'Ndrangheta zuordnet.


 

Um dies besser zu verstehen stellen sich aus meiner Sicht zwei Fragen: Die nach dem Künstler und die nach dem Titel dieser Ausstellung.


 

Lassen Sie mich zunächst einmal ein paar Worte über die 'Ndrangheta verlieren:


 

Die Bedeutung des Namens ist schwer zu greifen, wird aber gemeinhin mit mutiger oder tapferer Mann beschrieben. Heute gilt die 'Ndrangheta als eine der mächtigsten kriminellen Organisation in Europa. Sie steht neben der sizilianischen Cosa Nostra und der im Raum Neapel beheimateten Camorra als eine der drei großen Mafiaorganisationen Italiens. Sie ist heute tief verwurzelt in die europäische Kriminalität, bestehend aus Prostitution, Drogenhandel, Erpressung und Schutzgelderpressung. Wie viele verbrecherische Organisationen ist auch die 'Ndrangheta inzwischen in der realen Wirtschaft angekommen und betreibt verschiedene Unternehmen, letztlich auch vor allem zum Zwecke der

Geldwäsche. Eine große Rolle spielt heute auch die illegale Müllentsorgung. Experten schätzen den gesamten Jahresumsatz in Europa der 'Ndrangheta auf ca. 44 Milliarden Euro. Dies ist erstaunlich, wenn man sich die Geschichte dieser Organisation ansieht. Die Wurzeln reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück, wo sich die 'Ndrangheta in der kargen, von Hirten und Bauern besiedelten Region Kalabriens in Süditalien gründete. Geprägt ist die Organisation – wie sie bei vielen Mafiaorganisationen vorliegt – von extrem engen familiären Bindungen. Innerhalb der Organisation gibt es verschiedene familiäre Clans, die zum Teil auch untereinander verfeindet sind. Heute gilt die 'Ndrangheta als global am erfolgreichsten agierende Mafia, zudem als die gefährlichste und mächtigste. Es wird viel geforscht über die 'Ndrangheta – meine Informationen basieren auf Recherchen mit Spiegel online – gleichwohl bleibt die Organisation im Einzelnen nebulös und undurchdringlich.


 

Alessandro Benigni ist in Baden-Baden geboren. Ein Teil seiner Familie stammt aus Kalabrien.


 

Mit dem Thema 'Ndrangheta beschäftigz er sich schon sehr lange. Immer wenn er sich jedoch im kalabrischen Teil seiner Familie mit diesem Thema auseinandersetzen wollte, stieß er auf eine Mauer des Schweigens. Die Mafia ist ein Tabuthema, obwohl jeder weiß, welche Macht und welche Gewalt von ihr ausgeht. Wie kann aus einem Landstrich der karg und auch arm ist, in dem Bauern und Hirten leben, eine so mächtige verbrecherische Organisation erwachsen, über die man letztlich nicht spricht. Dies war für Alessandro Benigni ein Phänomen, das er erforschte und künstlerisch verarbeitete.


 

Als am 15.08.2007 in Duisburg sechs Männer auf offener Straße geradezu hingerichtet wurden und schnell klar war, dass es sich hier um den schrecklichen Höhepunkt einer Auseinandersetzung von zwei Familienclans innerhalb der 'Ndrangheta handelte, war das Thema plötzlich und mit einem Schlag in der deutschen Öffentlichkeit angekommen. Es konnte nun nicht mehr geleugnet werden, dass mafiöse Strukturen auch in der so behüteten Bundesrepublik an der Tagesordnung sind und dass auch hier die Gewalt und das Verbrechen letztlich alltäglich gegenwärtig sind. Der unwiderlegbare Beweis für die Aktivitäten der Mafia in Deutschland war auch für Benigni der Auslöser sich noch einmal intensiver mit der Thematik zu beschäftigen. Er reiste nach Kalabrien und wollte Gespräche führen, um der Frage nachzugehen, wie es möglich sei, einen Staat im Staate aufrecht zu erhalten, eine Organisationsstruktur und einen Zusammenhalt zu schaffen, ohne dass darüber gesprochen werden kann. Aber auch hier stieß er letztlich auf eine Mauer des Schweigens. Vereinbarte Gespräche konnten nicht stattfinden, weil seine Gesprächspartner letztlich aus Furcht diese verweigerten. Denn wer – so viel ist bekannt – den Schwur auf die Familie und die Treue, die Verschwiegenheit – die Omertá – bricht, wer die ehrenhafte Gesellschaft verrät, der wird bestraft und zwar mit Gewalt.


 

Das Blut der Blutsverwandtschaft und das Blut der Gewalt ist ein Kennzeichen des Symbols für die 'Ndrangheta, mit der sich Benigni im weiteren Verlauf seiner künstlerischen Tätigkeit immer mehr beschäftigt hat.

Benigni studierte an der Akademie der bildenden Künste in Karlsruhe bei Prof. Erwin Groß, Prof. Gustav Kluge und Prof. Stephan Balkenhol zunächst noch figürlich, dann mehr und mehr abstrahierend und mit Materialien experimentierend. Benigni geht es dabei immer um das nicht Schöne, das Hässliche, weil es spannender und schwieriger ist. Die Themen die bewegen reichen von den Verbrechen der italienischen Mafia und der Darstellung der Gewalt, die auch immer mit dem Körper zu tun hat, noch weiter in die Körperlichkeit hinein. In seinen Bildern setzt er sich auch – und das finden Sie beim Betrachten der Bilder immer wieder – mit der eigenen Körperlichkeit, mit den Blutbahnen im Körper, mit den Synapsen und den Nervenbahnen auseinander. So wie bei den neueren Ölarbeiten auf Papier, in denen man jeweils einen Körper erkennen kann, der allerdings nur noch angedeutet gewissermaßen durchscheint durch die ausgelegte Farbkomposition.


 

"Pentito X und Y"; "die Reuigen", die ihre Identität verlieren und nur noch schemenhaft zu existieren scheinen. Benigni präferiert die Ausdrucksform der vollständigen Abstraktion, wenngleich für den Betrachter und dies ist natürlich auch so gewollt, sich nach seiner eigenen Betrachtungsweise noch figürliches abzeichnen könnte. Benigni bevorzugt es mit Öl zu arbeiten. Seine Werke baut er in der Regel mehrschichtig auf. Hierzu trägt er Farben äußerst dick auf oder aber nimmt diverse Materialien hinzu und formt hieraus geradezu seine Arbeiten. Benigni beginnt häufig auch mit helleren Farben seine Werke zu gestalten. Hellere Farbschichten sind zuweilen auch noch zu erahnen, in der Erstellung der Werke fällt er dann aber auch sehr häufig auf die dunklen Töne des tiefen Rot, Braun und des Schwarz zurück.

Betrachtet man die Arbeiten näher, stellt man sich die Frage, ob man freigelegte Organe erkennt, die zerstört und kaputt sind. "Metastasen", so sind manche Bilder betitelt und zeigen das geschwürartige der Ndrangehta. Und hier rufe ich dann noch einmal in Erinnerung dass wir uns im Landgericht Baden-Baden befinden und als ich die Ausstellung heute Morgen zum ersten Mal sah, kam ich nicht umhin, den Terminzettel im Saal 13 anzusehen, in dem die kleine Strafkammer heute Morgen um 9:30 Uhr eine Verhandlung wegen gefährlicher Körperverletzung führte.

Und so macht die Auseinandersetzung mit der Gewalt und dem Tod aus der rein künstlerischen Perspektive in diesen Räumlichkeiten Sinn. Denn in der nüchternen und auf Tatsachen, Fakten, Beweislage und Beweislast begründeten juristischen Welt ist es wichtig, dass uns Künstler wie

Alessandro Benigni mit seinen eindringlichen und letztlich dann doch provozierenden und zum Nachdenken anregenden Werken vor Augen führt, um was es hier oftmals geht. Zwar wurden die Haupttäter der Mafiamorde gefasst und sind zwischenzeitlich auch in Italien zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt worden. Gleichwohl und da hilft uns Benigni dies nicht zu vergessen, bleiben die Opfer und bleiben die Strukturen, die undurchdringbar, geradezu mystisch und auf perverse Art auch faszinierend sind.


 


 

8.5.2014


 

Dr. Michael Borchard

Baden-Baden