Alessandro Benigni, ist ein Künstler, dessen verschwiegen, introvertierter Charakter Ausdruck

in seiner Malerei findet. Sein liebster Gesprächspartner ist die Farbe. Mit ihr steht er permanent in intensivem Dialog. Beide fordern sich gegenseitig heraus, werfen Fragen auf und wollen richtig verstanden werden, damit daraus ein „gemeinsames“ Bild entstehen kann. Seit 2008 wendet sich Alessandro Benigni zunehmend der Abstraktion zu.

Alle figürlichen und gegenständlichen Bezüge sind von der Auseinandersetzung mit der puren Beschaffenheit der Farbe, ihrer Materialität, Struktur, Dichte abgelöst worden. Doch auch dort, wo der Betrachter nicht, wie noch bis 2007, in ein vermaltes, schemenhaftes Geistergesicht schaut, sondern einer fast monochromen Bildfläche gegenübersteht, wird nicht selten der Eindruck einer „unheimlichen Begegnung“ (Bildtitel einer Arbeit von 2007) geweckt.

 

In der Malerei von Alessandro Benigni steht die Faszination am Unerklärlichen, Unheimlichen

im Mittelpunkt. Seine farbintensiven Bilder kreisen immer wieder um die Darstellung des

Nicht-Abbildbaren. Bildtitel wie „Halluzination“, „Schwarze Narben“, „Trauma“ (alle 2010)

unterstreichen, dass es sich dabei gleichermaßen um Erfahrungen von Körper und Psyche handeln kann.

 

Der Eindruck des Traumhaften und Unergründlichen, das zahlreiche Arbeiten von Alessandro

Benigni charakterisiert, ist jedoch nicht der ungefilterte Ausdruck von Erlebtem, sondern basiert auf malerischen Untersuchungen und Experimenten. Dementsprechend vielgestaltig läuft der Malprozess ab: Zuerst wird die Leinwand mit einer dünnen Acrylfarbe grundiert. Es folgen feine Schichten von Ölfarbe, die nach und nach angereichert werden und verdicken. Helle Farben wechseln in dunkle, zunehmend bis fast ins Schwarz. Zum Teil bleibt die Fließbewegung der Farbe sichtbar. Aus dem Untergrund scheinen die verschiedenen Farbschichten durch. Der Pinselduktus bleibt verhalten. Auf expressive Gestik wird verzichtet. Um die Materialität der Farbe auszukosten und zu betonen, benutzt Benigni neben Pinseln Holzspachtel, um deutliche Spuren oder Rillen in die Farbverläufe zu ziehen. Auf anderen Bildern verschließt eine dicke Farbhaut die Malfläche. Solche Bilder erinnern möglicherweise an schwer und langsam atmende Panzertiere und sie vergegenwärtigen den oftmals länger dauernden Prozess, der in einer einzigen Arbeit stecken kann.

 

Es scheint fast als würde sich der Maler im Malprozess physisch und psychisch in die Farbe

hineinarbeiten, um sich mit ihren vielfältigen Erscheinungsformen auseinander zu setzen. Er

verschwindet geradewegs in ihrer Stofflichkeit und tritt nur kurzzeitig aus ihr heraus, um sein

Werk mit Abstand betrachten zu können und weitere Entscheidungen zu treffen, bis es nichts

mehr zu entscheiden gibt. Einen vorgefassten Plan gibt es nicht. Was dabei ans Tageslicht

kommt, bleibt auch für den Maler zum Teil rätselhaft. Und soll es bleiben, denn das Vage, Unklare, das im Dunkeln liegt und eine geheimnisvolle Anziehung auf den Betrachter ausübt, ist beabsichtigt. Attraktion und Verweigerung sind zwei Seiten einer Medaille. Denn zum Schluss versiegelt der Künstler mit einer Firnis aus Kunstharz die Bildoberfläche und verleiht ihr eine glänzende, abweisende Ästhetik.

 

Wer die Werke eindringlich betrachtet, kommt auf keinen Fall umhin hinter der Magie der

dunklen Farben und häufigen Rot-Schwarz-Kontraste, die Auseinandersetzung des Malers mit

existentiellen Themen zu entdecken. Diese Gemälde lassen sich nicht schnell konsumieren und

sie wollen um keinen Preis einfach gefallen. Im Gegenteil. Die Arbeit von Alessando Benigni

zeigt, dass abseits der Metropolregionen eine junge KünstlerInnengeneration lebt, die Beachtung und Förderung verdient hat, weil sie sich geradezu widerspenstig jeglicher Vereinnahmung durch das sogenannt Zeitgemäße, seine schnellen Trends, Themenwechsel und Methoden verweigert. Alessandro Benigni steht für eine Gegenwartskunst, die sich bewusst abseits des Spannungsfeldes zwischen Autonomie, gesellschaftlicher Verpflichtung und Vereinnahmung hält und sich stattdessen beharrlich auf sich selbst besinnt.

 

Alessandro Benigni,geboren 1973 in Baden-Baden, hat von 2001 bis 2007 bei Gustav Kluge,

Erwin Gross und Stephan Balkenhol an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in

Karlsruhe studiert.

 

Jessica Beebone

 

Dezember 2010